Klaus Kaschel im Interview mit MARC LYNN, Bassist bei Gotthard

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Wenn einem Rockschreiber partout nichts einfallen will, dann schreibt er: „Aus der Schweiz kommen Präzisionsuhren, Toblerone und – Gotthard!“  Gottseidank bin ich kein Phrasenschwein. Ich behaupte: Gotthard ist mit das beste, was sich im melodiösen Hardrock-Bereich seit langem tummelt. Die Schweizer können mit Bands wie Def Leppard oder Thunder locker mithalten.
Selbst der tragische Tod von Sänger Steve Lee im Sommer 2010 konnte die Band nicht aus der Bahn werfen. Im Gegenteil. Mit Nic Maeder haben Gotthard einen mehr als gleichwertigen Ersatz gefunden, welcher der Band neue Facetten hinzufügt.

Klaus Kaschel sprach mit dem sympathischen, auskunftsfreudigen Bassisten Marc Lynn vor dem Auftritt der Band in Obertraubling bei Regensburg. Themen waren u.a. ein möglicher sexistischer Subtext in den Lyrics, Marcs Rolle im Bandgefüge und die Nähe zu den Fans.

„Ich bin einfach nicht das Alphatier


Frage: Der CD-Titel „Bang“ und einige Songtexte haben für mich einen sexuellen Unterton. Der Einleitungssong heißt „Katie let me in“. Das hat eine gewisse Zweideutigkeit ….. (Lynn lacht)…“Spread your wings“ könnte man auch anders auffassen. Wie bei Rod Stewarts „Tonight the night“. Und „Bang ist ja auch in der Bezeichnung Gang Bang (ANM.: Gruppenvergewaltigung) enthalten. Ist das Zufall oder habe ich eine schmutzige Fantasie?
Lynn: Halb halb. Eine schmutzige Fantasie hast Du bei „Spread your wings“ – mit dem Rest nicht unbedingt. Es ist so, wie wir immer waren: Beim Namen unserer jetzigen Plattenfirma G Records oder bei „Lipservice (2005). Das heißt ja Lippenbekenntnis, kann aber auch anders aufgefasst werden. Das sind aber kleine Sachen zum Schmunzeln.
In „Bang“ heißt es: „Bang bang around the world“. Wir sehen das eher als: Bang! Hier ist es. Wir erblicken eher die Headbanger vor uns, welche auf der ganzen Welt die Mähnen schütteln im Takt. Zweideutigkeit ist immer etwas Harmloses, wenn man schmunzeln kann und wenn jeder seiner Fantasie freien Lauf lassen kann.

Frage: Worum geht es bei „Spread your wings“?
Lynn: Das ist ein ernster Text. Da geht es wirklich darum, Leute, die von dieser Erde gehen müssen, die auch wirklich gehen lassen zu können. Deshalb: „ Breite deine Flügel aus und geh!“. Meistens sind sie früher bereit als die trauernden Angehörigen oder Freunde. Also gar kein sexistischer Inhalt. Im Gegenteil.

Frage: Eure Songs auf Bang“ sind teilweise sehr hart. Ein Naiver könnte denken, ihr wolltet ein wenig euer Balladen-Image abstreifen. Einigen Journalisten in Rockmagazinen hat diese „weiche“ Richtung nicht gefallen.
Lynn: Das ist schwierig zu sagen. Nach „Open“ und „Human Zoo“ hatten wir eine softere Linie eingeschlagen. Wenn man im Hard Rock-Bereich spielt, ist man sowie so in einer Nische. Unsere Devise ist: Mach lieber das, worauf du Lust hast. Auf „Bang“ sind bei 13 Songs immerhin vier Balladen enthalten. Die wollen wir nicht vergessen, aber wir sind eine Rockband. Aber nicht eine neuzeitliche, wo es in Richtung Grunge oder Metal geht, sondern eine klassische. Deshalb sind auch neue musikalische Elemente mit hineingekommen. Der Verlust von Steve Lee musste mit dem neuen Sänger Nic Maeder aufgefangen werden. Für „Firebirth“ von 2012 haben wir noch viele Songs genommen, die wir vor Steves Tod geschrieben hatten. Wir hatten auch 20 Jahre im gleichen Stil geschrieben. Bei „Bang“ hatten wir zwei Jahre Zeit, um uns an Nics Stimme zu gewöhnen. Wir haben herausbekommen: Wo liegen seine Starken? Wo sind seine Frequenzen, in denen er top singt? Er ist auch ins Songwriting integriert worden; er spielt auch Gitarre und Keyboard / Piano.
Zum Teil kommen im Rock die 70-er Jahre zurück. Das ist unsere Ecke. Das haben wir bei „Bang“ vermehrt einfließen lassen. Ein wenig „back to the roots“, aber modern und mit vermehrter Spielfreude. Nicht nur einfach den 08/15-Song, sondern teils hart, aber auch balladenhaft.

Frage: Stichpunkt modern. Produziert wurde „Bang“ von Leo Leoni plus Charlie Bauerfeind, der in Los Angeles wohnt und arbeitet. Ist er extra in die Schweiz gekommen für euch?
Lynn: Charlie kommt öfter nach Deutschland und er hat immer Bock auf Gotthard gehabt. Er hat schon die CD „Homerun“ von 2000 abgemischt und das Mastering gemacht. Es wurde einfach mal Zeit ihn zu testen. Er ist ein toller Sound-Mann. Er ist sehr gut auf allen Instrumenten. Er bringt einen guten Input und er kann dir beibringen, was er fühlt und wie er es umsetzen würde. Spielen kann jeder, aber manchmal braucht es d i e Idee, die zündet.
Eigentlich habe ich die andere Frage erwartet. Er ist d e r Heavy Metal-Produzent, aber er wollte mit uns arbeiten. Ich könnte mir vorstellen, nochmal eine Scheibe mit ihm zu machen. Er ist im Studio stets präsent, bringt eine Ruhe und Souveränität hinein. Er lässt sich aber auch überzeugen. Für ihn zählt nur das beste. Es war einfach großartig mit ihm zu arbeiten.

Frage: Der Titel „Thank you“ dauert fast 11 Minuten. Er klingt wie ein Liebeslied. Ist es auch als Dank an die Fans gedacht?
Lynn: Der Song wurde anlässlich des Todes von Leo Leonis Mutter geschrieben. Sie ist letztes Jahr nach längerem Leidensweg verstorben. Leo hatte die Chance sich zu verabschieden und Danke für ihre Fürsorge zu sagen. Das können oder wollen nicht viele. Aber man kann das Lied auch als Danke auf die Fans beziehen. Schlussendlich ist alles ein Geben und Nehmen.

Frage: „Maybe“ ist im Duett mit einer Sängerin eingespielt. Wie kam es dazu?
Lynn: Das war nicht geplant. Wir hatten früher schon Chorsänger eingesetzt, damit nicht alles nach Steve, Leo oder mir klingt. Bei Maybe gibt es am Ende einen Riesenchor und dafür kamen 15 Sänger/-innen ins Studio. Melody Tibbits hat eine extreme Stimme, die nicht mal für den Chor geeignet ist. Sie hat einmal zu lange gesungen und das klang so cool, dass wir gesagt haben: Kommt, wir opfern einen Studiotag und probieren, ob es was werden könnte. Zuerst waren wir unentschlossen, ob wir das Stück auf die CD bringen sollten. Dann haben wir uns dafür entschieden. Es ist ein bisschen „Star Search Gotthard 2014“. Wir haben eine unbekannte Sängerin genommen und das Ganze pusht hoffentlich ihre Karriere.

Frage: Was ist d e i n Lieblings-Song auf der CD?
Lynn: O, das ist schwierig. „Bang“ hat mir gleich gefallen, weil er zum Motorradfahren passt. Er ist ein „Cruiser“-Song, bei dem man mitgeht.
„Thank you“ ist sehr theatralisch und opulent in Szene gesetzt. Da muss man in der richtigen Stimmung dazu sein und man bekommt garantiert eine Gänsehaut.
Sehr gut gefällt mir auch „Jump the gun“ – was wir allerdings nicht live spielen. Er geht in die Richtung 90-er Jahre mit Bands wie Guns ‚n‘ Roses.
„Feel what“ hat mir auf dem Demo-Band besser gefallen als beim Produzieren im Studio.
„Red on a sleeve“ ist für mich der schwierigste Song zu spielen; den kann man live fast nicht umsetzen, weil er so eine Präzision mit allen Finessen beinhaltet zwischen Bass, Gesang und Schlagzeug. Dazu kommen Groove-Wechsel, d.h. ein Umkehren des Rhythmus. Das würde live nur Mus ergeben. Das ist ein klassischer Studiosong.
„Mr. Ticket man“ ist ein Zwei-Riff-Stück, eigentlich etwas ganz Banales von uns. Aber es zieht einen mit – gerade weil es so monoton ist.
„Gott sind die hart“

Frage: Am Anfang eurer Karriere war bei jeder zweiten CD-Besprechung zu lesen: „Gott sind die hart – Gotthard!“ Hat Dich das damals schon genervt oder kannst Du heute darüber lachen?
Lynn: Damals hat mich das genervt.Der Spruch stand im Pressetext der Plattenfirma. Der Pressemann bei Ariola hat an uns geglaubt und zusammen mit uns etwas aufgebaut. Grundsätzlich: Gotthard ist keine Fashionband. Wir wurden nicht gegründet um Erfolg zu haben. Wir sind eine Band, die gern zusammen spielt und deswegen gehen wir gern auf die Bühne. Wir machen auch keine großen Marketing-Strategien, sondern wir wollen, dass das Publikum mit uns eine große Party feiert und Spaß hat. Wenn man alles generalstabsmäßig plant, dann sind gewisse Slogans wichtig. Wir sind geboren in einer Phase Anfang der 90-er Jahre als Grunge und Techno aufkamen. Als letzte Rockband haben wir irgendwie noch einen Vertrag gekriegt.

Frage: Warum hast Du zum Bass gegriffen? Warum bist Du nicht Leadgitarrist geworden, der oft in einer Band im Mittelpunkt steht und der die Mädchen bekommt, welche die Band anhimmeln.
Lynn: …… (lacht). Ich habe acht Jahre lang klassische Gitarre gelernt in einer Musikschule. In der Lehre fragte mich ein Freund, ob ich nicht in seiner Band Bass spielen wollte. Ich antwortete: „Keine Ahnung, wie das geht in der Rockmusik“. Ich wollte es probieren; bin also irgendwie reingerutscht.
Wenn du aufhörst während des Songs Bass zu spielen, merkt jeder: Da fehlt etwas. Aber die wenigsten können den Bass beim Zusammenspiel der Band orten. Du bist dafür zuständig, das Schlagzeug mit den Melodie-Instrumenten Gitarre und Keyboard zu vereinen. Aber man kann doch ein paar Tricks machen.
Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ich bin einfach nicht das Alphatier, das vorne im Rampenlicht stehen will. Wenn ich vorne stehen wollte, dann als S ä n g e r. Aber ich weiß, dass ich nicht die Stimme dazu habe. Ich mag auch nicht teilen. Bass ist e i n e r auf der Bühne. Ich möchte einen guten seriösen Job machen. Ich höre auch das meiste im Tongefüge. Das ist eine Grundeigenschaft, die man hat oder nicht. Und ich bin kein Leadertyp, sondern einer, der im Hintergrund arbeitet.

Frage: Haben Dich in deinen Anfangstagen einige Bassisten schwer beeindruckt?
Lynn: Ja, klar. Alles von BOSTON habe ich hoch und runter gespielt. Dann Stuart Hamm (bei Joe Satriani). Er ist ein toller Rock-Bassist, der auch Funk und Jazz macht. Marco Mendoza von „Blue Murder“ ist stark. Steve Bailey hat auch bei uns auf zwei Songs auf „Die hard“ und „G Punkt“ gespielt. Wenn er den Bass zupft, ist es eine Wonne ihm zuzugucken und Tricks abzuschauen. Natürlich war auch Bob Daisley (bei Ozzy Osbourne) ein Vorbild. Der war vielseitig. Wenn man nicht geschult war, konnte man ihn nicht besonders heraushören. Aber wer e s wusste, war fasziniert. Beim Bass geht es darum „Boden zu geben“, damit die anderen in der Band eine gute Show abliefern können. Das war immer für mich toll. Auch Roger Glover hat bei Deep Purple seinen eigenen Stil. Auch Jamie Jameson muss ich erwähnen. Aber das sind Spieler, die ich später „aufgearbeitet“ habe. Wenn man seine Idole durch hat, geht man auf die Suche, auch in den Jazzbereich. Dennoch bin ich nie der virtuose Bassist gewesen. Ich will auch nie ein Solo auf der Bühne spielen. Ich möchte eine Party auf der Bühne und im Konzertsaal feiern!

Frage: Jack Bruce!
Lynn: Natürlich habe ich mich mit ihm befasst. Auch das Beatles-Repertoire habe ich „durchgearbeitet“. Man sucht sich die eine oder andere Passage heraus, merkt sie sich und kann sie selber in das eigene Spiel einfließen lassen. Und natürlich Cliff Williams von AC/DC. Es klingt einfach, aber es ist schwierig zu spielen. Er kann Läufe machen und schnell aber sauber spielen. Wenn man eine Note 1 – 2 Minuten auf den Punkt durchhält, geht das wirklich an die Substanz. Weil jede Note gleich kommen soll. Die meisten Bassisten werden müde, spielen da und dort einen Lauf. Die stimmen nie genau – Hauptsache es klingt gut. Aber wenn Du 1-2-3 stimmen musst, ist es ganz anders.

Frage: Ihr musstet einige Wechsel der Plattenlabel hinnehmen.
Lynn: Wir haben die ersten LPs bei BMG Ariola veröffentlicht, die dann mit Sony fusioniert haben. Während neuer Verhandlungen mit ihnen, haben wir uns entschieden unser eigenes Label G Punkt Records zu starten. Als erstes kam die CD „Lipservice“ heraus. Als Lizenzpartner hatten wir dann Nuclear Blast für das Ausland und die haben dafür gepresst. G Punkt hat für die Schweiz hergestellt. Jetzt sind wir eine Partnerschaft mit PIAS eingegangen (= Play it again Sam). Das ist das größte Indie-Label für Europa. Mit den Einnahmen können wir jetzt besser werben. Die Werbefritzen in den Büros großer Plattenfirmen sind manchmal zu weit entfernt von der Fan-Basis. Wir können jetzt zielgenauer unsere Promotion gestalten und direkter an die Fans gelangen. Das ist uns sehr wichtig!

VIELEN DANK für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg !

An dieser Stelle ein ganz großes DANKE an Klaus Kaschel für das Zurverfügungstellen des Interviews!

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